
Diesen Blogbeitrag gibt es auch als Podcast zum nachhören. Aufgenommen in unserem Studio PODCAST STIEFINGTAL
(Link bald verfügbar)
Weshalb mir heute das Fotografieren keinen Spaß mehr macht
Früher war Fotografieren für mich mehr als nur ein technischer Vorgang – es war ein Handwerk, eine Kunstform, ein schöpferischer Akt. Heute jedoch ist von dieser Leidenschaft nicht mehr viel übrig. Das Fotografieren hat seinen Charakter, seinen Wert und – zumindest für mich – seine Seele verloren. Und der Grund liegt auf der Hand: Heute entsteht das Bild nicht mehr in der Kamera, sondern in Photoshop, Lightroom und mittlerweile sogar in künstlicher Intelligenz. Das Ergebnis ist oft ein beliebiger Mischmasch aus Retusche, Filtern und Algorithmen – aber sicher kein echtes Foto mehr.
Die Kamera als Werkzeug, nicht als Ideengeber
Ich habe noch gelernt, dass ein Bild dann gelungen ist, wenn es aus der Kamera kommt – so gut wie fertig. Damals bedeutete das: Belichtung, Schärfentiefe, Kontraste, Bildaufbau – alles musste vor dem Druck auf den Auslöser sitzen. Wer analog fotografiert hat, weiß: Man hatte keine zweite Chance. Kein Histogramm. Kein RAW-Backup. Kein “Fix it in post”. Man musste das Bild vorher sehen – mit dem inneren Auge. Und genau darin lag die Kunst.
Heute? Heute wird der Auslöser fast schon wahllos gedrückt. Das Denken findet erst danach statt – oder gar nicht. Stattdessen wird das Bild durch endlose Bearbeitungsschritte geschoben. Es wird manipuliert, weichgezeichnet, gesättigt, verformt, zusammenmontiert. Es entstehen visuelle Konstrukte, die mit echter Fotografie oft nicht mehr viel zu tun haben. Und das Schlimmste daran: Es wird so getan, als sei das normal. Oder gar besser.
Photoshop oder KI statt Kamera – eine bedenkliche Entwicklung
Ich will Photoshop gar nicht verteufeln – ich habe selbst mit digitalen Werkzeugen gearbeitet. Aber was früher eine Veredelung war, ist heute zur Notwendigkeit geworden. Ohne Retusche scheint kein Bild mehr bestehen zu können. Dabei wird oft vergessen, dass diese Programme keine fotografischen Fähigkeiten ersetzen – sondern bestenfalls kaschieren, was beim Fotografieren falsch gemacht wurde.
Besonders schmerzhaft wird es, wenn Bilder mit KI “optimiert” oder sogar erzeugt werden. Die Technik hat inzwischen ein Niveau erreicht, bei dem sich die Grenzen zwischen Realität, Simulation und Fantasie auflösen. Menschen applaudieren Bildern, die gar keine Fotografen mehr brauchen. Wo bleibt da der kreative Prozess? Wo das handwerkliche Können? Wo der Moment?
Kunst entsteht in der Dunkelkammer – nicht am Bildschirm
Ich komme aus einer Zeit, in der die Dunkelkammer ein heiliger Ort war. Hier entstanden nicht nur Bilder, sondern Werke. Jedes Foto wurde mit Sorgfalt entwickelt, jede Belichtung fein abgestimmt, jeder Kontrast mit Fingerspitzengefühl herausgearbeitet. Man roch die Chemie, sah das Bild langsam auf dem Papier erscheinen – das war Magie.
Heute dagegen wird das Bild mit einem Mausklick „entwickelt“. Man schiebt ein paar Regler, drückt auf „Auto-Korrektur“ – und fertig ist das angeblich perfekte Bild. Kein Bezug zum Motiv, kein Respekt vor dem Moment, kein emotionaler Zugang. Nur Output. Massentauglich. Glatt. Beliebig.
Jeder ist Fotograf – und keiner ist es wirklich
Dank Smartphone-Kameras und Instagram-Filtern nennt sich heute jeder Fotograf. Und klar: Technik war nie so zugänglich wie heute. Aber diese Demokratisierung führt nicht zwangsläufig zu Qualität – oft eher zum Gegenteil. Bilder werden inflationär produziert und konsumiert. Alles muss schnell gehen. Hauptsache es „knallt“. Doch die Tiefe, die Emotion, das Auge für den richtigen Moment – sie bleiben oft auf der Strecke.
Ich sage nicht, dass früher alles besser war. Aber es war bewusster, konzentrierter, echter. Heute hingegen sehe ich eine visuelle Flut von Bildern, die sich austauschbar anfühlen. Es geht nicht mehr darum, etwas zu zeigen – sondern gesehen zu werden. Likes ersetzen Wertschätzung. Filter ersetzen Ausdruck. KI ersetzt Können.
Mein Fazit: Ich fotografiere noch – aber nicht mehr mit Freude
Ich fotografiere noch, ja – aber mit einem zunehmend bitteren Beigeschmack. Denn das, was heute als „Fotografie“ verkauft wird, ist für mich oft keine mehr. Es ist digitale Bildgestaltung mit ungewissem Ergebnis. Und das hat nichts mit dem zu tun, was mich einst zur Kamera greifen ließ.
Fotografieren war für mich einmal eine Reise zum Motiv – heute ist es ein Rennen zur Bearbeitung. Ich will nicht der ewig gestrige sein. Aber ich werde den Moment vermissen, als ein Bild noch entstand, weil ich es gesehen habe – und nicht, weil ich es gebaut habe.