Live-Aufnahmen und die passende Mikrofonierung
Bei Live-Aufnahmen ist die Wahl und Platzierung der Mikrofone entscheidend, um den Klang authentisch und transparent einzufangen. Je nach musikalischem Kontext, Raumakustik und gewünschtem Klangergebnis kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz. Die gängigsten Stereoverfahren sind AB, XY und Blumlein.

AB-Mikrofonie (Spaced Pair / Laufzeitstereofonie)
Grundprinzip
AB ist ein Stereoaufnahmeverfahren, das auf Laufzeitunterschieden zwischen zwei Mikrofonen basiert.
Zwei identische Mikrofone – meist mit Kugelcharakteristik (Omni) – werden parallel zueinander in einem bestimmten Abstand d aufgestellt.
Schallwellen erreichen das jeweils nähere Mikrofon früher als das andere. Diese Zeitdifferenz erzeugt die Stereoinformation.
Formel zur Berechnung der Laufzeit:
t = d / c
- t = Zeitdifferenz (in Sekunden)
- d = Abstand zwischen den Mikrofonen (in Metern)
- c = Schallgeschwindigkeit (ca. 343 m/s bei 20 Grad Celsius)
Warum Kugelmikrofone?
- Omni-Mikrofone nehmen den Raum gleichmäßiger auf und erzeugen ein natürliches Stereobild.
- Kein Nahbesprechungseffekt (kein Bassanstieg bei geringer Distanz).
- Sehr linearer Frequenzgang.
Typische Abstände und ihre akustischen Folgen
- 30 cm Abstand: sehr kleine Zeitdifferenz, enge Stereobreite, gut für kleine Ensembles.
- 1 Meter Abstand: übliche Einstellung für Chöre und kleine Orchester, gute Balance aus Direktklang und Raum.
- 2 bis 3 Meter Abstand: sehr breites Stereoabbild, mit viel Raumanteil, gut für große Orchester.
Beispiele für Zeitdifferenzen mit der Formel t = d / c:
- d = 0.3 m → t ≈ 0.0009 s (0.9 ms)
- d = 1.0 m → t ≈ 0.0029 s (2.9 ms)
- d = 3.0 m → t ≈ 0.0087 s (8.7 ms)
Klangcharakteristik
- Breites, räumliches Stereoabbild.
- Viel Raumanteil und Nachhall.
- Mono-Kompatibilität eingeschränkt → unbedingt Mono-Check durchführen.
Vor- und Nachteile
Vorteile:
- Sehr natürlicher, räumlicher Klang.
- Besonders gut für Chöre, Orchester und Aufnahmen in guten Räumen.
- Flexible Wahl des Abstands.
Nachteile:
- Weniger monokompatibel als XY oder ORTF.
- Gefahr von Phasenauslöschungen bei Monosummierung.
Praxis: Mikrofonwahl und Aufstellung
- Identisches Paar von Kondensatormikrofonen mit Kugelcharakteristik.
- Höhe: leicht über dem Ensemble oder auf Höhe der oberen Stimmen.
- Abstand d je nach Ensemblegröße wählen (siehe Punkt 3).
- Mikrofone parallel zum Ensemble ausrichten.
- Stabile Stative und Entkopplung gegen Trittschall verwenden.
- Aufnahmepegel so einstellen, dass Spitzen bei -12 bis -6 dBFS liegen.
- Leichten Hochpassfilter gegen Trittschall einsetzen.
- Testaufnahme machen und Mono-Summe überprüfen.
Kombination mit Stützmikrofonen
Oft wird ein AB-Hauptpaar durch zusätzliche Stützmikrofone ergänzt, die näher an einzelnen Stimmen oder Instrumenten stehen. Diese müssen im Mix zeitlich (Delay) und phasentechnisch angepasst werden, um Auslöschungen zu vermeiden.
Tipps gegen Phasenprobleme
- Immer Mono-Summe prüfen.
- Kleinere Abstände wählen, wenn Monokompatibilität wichtiger ist.
- Time-Alignment: Nahmikrofone per Delay auf das Hauptpaar anpassen.
- Low-Cut einsetzen, aber nicht zu hoch, damit das Fundament erhalten bleibt.
Bei Bedarf Polung einzelner Mikrofone umschalten und vergleichen.
Mikrofonempfehlung
- AKG C414 XLII * geigenet für AB, XY, Blumlein
- AKG P420 * geigenet für AB, XY, Blumlein
- Avantone CK-7+ * geeignet für AB, XY Blumlein
- Universal Audio SP-1 *geeignet für AB, XY
- Lewitt LCT 140 Air Matched Pair * geeignet für AB, XY
- Rode M5 MP * geeignet für AB, XY
XY Mikrofonierung (Intensitätsstereofonie)
Grundprinzip
Die XY-Mikrofonie basiert auf Pegelunterschieden zwischen zwei Mikrofonen.
Zwei Mikrofone mit Nieren- oder Supernierencharakteristik werden so angeordnet, dass sich ihre Kapseln im selben Punkt befinden. Sie werden in einem Winkel zueinander aufgestellt (meist zwischen 90 und 135 Grad).
Da die Kapseln exakt am gleichen Ort liegen, gibt es keine Laufzeitunterschiede, sondern nur Pegeldifferenzen. Dadurch ist die Aufnahme sehr monokompatibel.
Warum Nieren- oder Supernierenmikrofone?
- Nierenmikrofone nehmen bevorzugt den Schall von vorne auf, seitlich abgeschwächt, hinten stark reduziert.
- Supernierenmikrofone haben noch stärkere Richtwirkung nach vorne und eine kleine Rückkeule.
- Diese Richtwirkung sorgt für die Pegeldifferenzen, die das Stereoabbild bei XY erzeugen.
Typische Winkel und ihre akustischen Folgen:
- 90 Grad: relativ enges Stereoabbild, Instrumente sind klar ortbar, aber nicht sehr breit.
- 120 Grad: Standard-Einstellung, bietet ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Breite und Ortungsschärfe.
- 135 Grad: sehr breites Stereoabbild, eignet sich für große Ensembles oder um Raum zu öffnen.
Klangcharakteristik
- Sehr präzise Ortung von Instrumenten und Stimmen im Stereo-Panorama.
- Weniger Raumanteil als AB, daher trockenerer, direkter Klang.
- Sehr gute Monokompatibilität, da keine Laufzeitunterschiede entstehen.
Vor- und Nachteile
Vorteile:
- Sehr klare Stereoabbildung.
- Exzellente Monokompatibilität.
- Gut geeignet bei schlechter Raumakustik.
- Einfach aufzubauen, da beide Mikrofone auf einem Stereobügel befestigt werden können.
Nachteile:
- Weniger räumlich und breit als AB oder Blumlein.
- Weniger “Tiefe” im Klangbild, da wenig Raumanteil aufgenommen wird.
Praxis: Mikrofonwahl und Aufstellung
- Zwei identische Kondensatormikrofone mit Nieren- oder Supernierencharakteristik.
- Kapseln exakt übereinander positionieren (am besten mit einem speziellen Stereobügel).
- Mikrofone in einem Winkel von 90 bis 135 Grad öffnen.
- Positionierung in ca. 1,5 bis 3 Metern Abstand zum Ensemble, abhängig von Größe und Raum.
- Höhe so wählen, dass beide Mikrofone auf das Zentrum des Ensembles zielen.
- Aufnahmepegel einstellen: Peaks zwischen -12 und -6 dBFS.
- Hochpassfilter einsetzen, falls Trittschall oder tiefe Störgeräusche vorhanden sind.
- Testaufnahme machen und das Stereoabbild prüfen.
Kombination mit Stützmikrofonen
Wie beim AB-Verfahren können auch bei XY zusätzliche Stützmikrofone eingesetzt werden. Da XY keine Laufzeitunterschiede erzeugt, ist es leichter, Spots phasenkorrekt einzubinden. Trotzdem sollte ein kurzer Delay-Abgleich erfolgen, wenn Spotmikros deutlich näher stehen.
Tipps für optimale Ergebnisse
- Den richtigen Winkel finden: kleiner Winkel = präzisere Ortung, größerer Winkel = breiteres Panorama.
- Bei Soloinstrumenten oder kleinen Ensembles besser engerer Winkel (90–100 Grad).
- Bei Chören, Orchestern oder großen Gruppen eher größerer Winkel (120–135 Grad).
- Für mehr Raumanteil kann XY mit Raummikrofonen ergänzt werden.
- Immer mit Kopfhörern und Lautsprechern vergleichen, um das optimale Setup zu finden.
Blumlein Mikrofonierung (Stereofonie mit Achter-Charakteristik)
Die sogenannte Blumlein- oder Mid-Side-Mikrofonierung arbeitet mit zwei Mikrofonen:
- Ein nach vorne gerichtetes Mikrofon mit Nieren-Charakteristik.
→ Dieses nimmt die Schallquelle direkt auf und liefert das sogenannte Mid-Signal. - Ein seitlich positioniertes Mikrofon mit Achter-Charakteristik.
→ Dieses erfasst die seitlichen Schallanteile (links und rechts) und liefert das sogenannte Side-Signal.
Prinzip
- Das Mid-Mikrofon liefert die klare Hauptquelle.
- Das Side-Mikrofon liefert die Räumeindrücke und Breite, indem es Schall von links und rechts mit entgegengesetzter Polarität aufnimmt.
Typischer Winkel und Aufstellung
- 90 Grad Winkel zwischen den beiden Mikrofonen.
- Kapseln liegen exakt übereinander (koaxiale Anordnung).
Klangcharakteristik
- Sehr räumliches, realistisches Stereoabbild.
- Starke Einbeziehung der Raumakustik (direkter Klang vorn, Raumklang hinten).
- Präzise Ortung im Stereo-Panorama.
- Authentische Tiefenstaffelung, fast „dreidimensionaler“ Eindruck.
Vor- und Nachteile
Vorteile:
- Sehr natürliches, räumliches Klangbild.
- Gute Ortung und gleichzeitig plastischer Raumeindruck.
- Perfekt für hochwertige Akustikräume (Konzertsäle, Kirchen).
Nachteile:
- Funktioniert nur in Räumen mit guter Akustik – in schlechten Räumen wird auch der störende Hall eingefangen.
- Weniger geeignet für poppige oder sehr trockene Aufnahmen.
- Aufbau etwas aufwendiger, da echte Achter-Mikrofone benötigt werden.
Praxis: Mikrofonwahl und Aufstellung
- Zwei Mikrofone mit Achter- und Nieren-Charakteristik (oft Bändchen- oder Kondensatormikrofone).
- Kapseln exakt übereinander anordnen, mit 90 Grad Winkel zueinander.
- Position in ca. 1,5 bis 10 Metern Abstand zum Ensemble, je nach Größe und Raum.
- Höhe so wählen, dass die Mikrofone auf die Mitte der Schallquelle ausgerichtet sind.
- Saubere Ausrichtung, damit die Stereobasis symmetrisch abgebildet wird.
- Aufnahmepegel einstellen (Peaks zwischen -12 und -6 dBFS).
- Testaufnahme machen und auf Balance zwischen Direktklang und Raum prüfen.
Kombination mit Stützmikrofonen
Blumlein liefert ein vollständiges, räumliches Stereobild. Oft werden keine zusätzlichen Stützmikrofone benötigt.
Falls Spots eingesetzt werden, muss sorgfältig auf Phase und Balance geachtet werden, da Blumlein sehr empfindlich gegenüber Fremdsignalen ist.
Tipps für optimale Ergebnisse
- Nur in guten Räumen einsetzen – in trockenen oder halligen Räumen leidet das Ergebnis.
- Die Position sorgfältig wählen: zu nah = wenig Raum, zu weit = Stimmen/Instrumente verlieren Präsenz.
- Ideal für klassische Musik, Chöre und akustische Ensembles.
- In Verbindung mit Surround-Aufnahmen kann Blumlein auch als Front-Stereopaar genutzt werden.
- Mit Kopfhörern und Lautsprechern probehören, um die richtige Balance zu finden.
Aufwendig Mischung der Signale bei der Blumlein-Mikrofonierung
- Das Mid-Mikrofon (Niere) nimmt die Signale von vorne auf – also die direkte Schallquelle.
- Das Side-Mikrofon (Acht) nimmt die seitlichen Anteile des Schalls auf. Dabei entstehen links und rechts entgegengesetzte Polaritäten: der Schall von links kommt positiv, der Schall von rechts negativ an.
So entsteht zunächst ein Rohsignal mit nur zwei Kanälen:
- Spur 1 = Mid (Niere, nach vorne)
- Spur 2 = Side (Acht, quer gestellt)
Verarbeitung in der DAW
Wie bereits erwähnt, muss das Side-Signal dupliziert und phasengedreht werden, damit aus diesen zwei Kanälen ein sauberes Stereoabbild wird:
- Beide Mikrofone wie beschrieben aufnehmen (Mid + Side).
- In der DAW die Side-Spur duplizieren.
- Bei einer Kopie die Phase um 180 Grad drehen (invertieren).
- Die beiden Side-Spuren hart links und rechts pannen.
- Das Mid-Signal mittig im Panorama belassen.
Ergebnis
- Links = Mid + Side
- Rechts = Mid – Side (durch Phaseninvertierung)
- Das ergibt ein präzises, räumliches Stereoabbild mit hervorragender Ortung.
Vorteile
- Flexibles Stereo: Im Mix lässt sich das Verhältnis Mid zu Side anpassen, wodurch die Stereo-Breite variabel ist.
- Monokompatibilität: Summiert man alles zu Mono, bleibt nur das Mid-Signal übrig, was für stabile Wiedergabe sorgt.
- Hohe Kontrolle: Besonders gut für Chöre, Orchester und Live-Aufnahmen, da man nachträglich im Mix entscheiden kann, wie breit das Stereo sein soll.
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- AB-Mikrofonie (Laufzeitstereofonie)
- Prinzip: Zwei Mikrofone werden im Abstand zueinander aufgestellt (typisch 40 cm bis 3 m). Dabei entstehen Stereoeffekte durch die Laufzeitunterschiede des Schalls, der von der Schallquelle zu den Mikrofonen gelangt.
- Aufbau:
- Verwendet werden meist Kondensatormikrofone mit Kugelcharakteristik.
- Der Abstand hängt vom Aufnahmeraum und der Größe des Ensembles ab. Für kleine Besetzungen eher enger, für Orchester größer.
- Die Mikrofone stehen parallel oder leicht angewinkelt zur Schallquelle.
- Klangbild: Sehr räumlich, breites Stereoabbild. Allerdings kann es zu Auslöschungen im Bassbereich kommen, wenn die Aufnahme mono wiedergegeben wird.
- Einsatz: Besonders beliebt für Chöre, Orchester und große Klangkörper, wo ein „breites“ Klangbild gewünscht ist.
- XY-Mikrofonie (Intensitätsstereofonie)
- Prinzip: Zwei Mikrofone mit Nierencharakteristik werden so aufgestellt, dass sich ihre Kapseln am selben Punkt befinden, meist in einem Winkel von 90° bis 135°. Hier entstehen Stereoeffekte nicht durch Laufzeit, sondern durch Pegelunterschiede.
- Aufbau:
- Beide Mikrofone befinden sich möglichst nahe beieinander (Kapseln übereinander).
- Winkel meist 90° für enge Stereobreite oder bis 135° für ein breiteres Bild.
- Da die Mikrofone am selben Punkt sind, gibt es keine Laufzeitunterschiede.
- Klangbild: Sehr sauberes, monokompatibles Stereobild. Etwas weniger „räumlich“ als AB, aber sehr präzise in der Ortung.
- Einsatz: Besonders geeignet für Live-Mitschnitte von Bands, akustischen Instrumenten oder bei schwieriger Raumakustik, da Übersprechungen reduziert werden.
- Blumlein-Verfahren
- Prinzip: Eine spezielle Form der XY-Mikrofonie mit zwei Mikrofonen in Acht-Charakteristik. Die Kapseln stehen im 90°-Winkel übereinander. Dadurch werden nicht nur die Schallquellen vor den Mikrofonen eingefangen, sondern auch die Raumanteile hinten.
- Aufbau:
- Zwei Bändchenmikrofone oder Kondensatormikrofone mit Achter-Charakteristik.
- Beide übereinander angeordnet, Achsen im 90°-Winkel.
- Klangbild: Sehr natürlich und räumlich, da auch der Nachhall und die Raumakustik mit aufgenommen werden. Liefert ein authentisches Stereobild mit klarer Tiefe.
- Einsatz: Besonders in Konzertsälen oder bei akustischen Ensembles beliebt, wo der Raumklang Teil der Aufnahme sein soll.